Evolution oder Reduktion

Vom Umgang mit Sprache im Zeitalter der digitalen Medien

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich ein junger Mann in der "Neuen Welt" ein großes Ziel. Die Western Union als Betreibergesellschaft des amerikanischen Telegrafennetzes wollte nicht länger hinnehmen, dass stets nur ein Telegramm durch die Kupferdrähte geschickt werden konnte.

Alexander Graham Bell arbeitete fieberhaft an der Lösung dieses Problems. Am Ende seiner Experimente entstand die Grundlage für das was später als Telefon die Welt verändern sollte. Entgegen der relativ kurzen Forschungszeit des Sprachtherapeuten und Taubstummenlehrers Bell benötige die Evolution viele Millionen Jahre, um letztlich ein "Säugetier" in die Lage zu versetzen, eine differenzierte Sprache zu entwickeln. Selbst die nächsten Verwandten des Homo Sapiens, Menschenaffen, sind aufgrund der Konstruktion ihres Kehlraums nicht in der Lage zur verbalen sprachlichen Kommunikation. Obwohl Experimente gezeigt haben, dass die Leistungsfähigkeit ihres Gehirns dafür durchaus ausreichen würde.

Das gesprochene Wort, die Fähigkeit sich komplex und differenziert miteinander zu verständigen, wird von vielen als das Kriterium für Intelligenz oder Leistungsindiz der Evolution gesehen. So verwundert es nicht, dass die Erfindung des Telefons die Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts erheblich veränderte. Die Möglichkeit sich sprachlich jenseits von geografischen Entfernungen unterhalten zu können stellt vielleicht die größte technische Errungenschaft seit der Erfindung des Buchdrucks dar. Dieser Fortschritt wurde Ende des 20. Jahrhunderts noch gesteigert. Die Erfindung des Mobilfunks löste die Abhängigkeit vom Festnetz auf und veredelte die Erfindung Bells auf ungeahnte Weise. Was mit einem großen Kasten als Autotelefon begann mündete in schicken Smartphones, deren Leistungsfähigkeit vor 15 Jahren nur von millionenschweren Supercomputern erbrachte werden konnte.

Soweit so gut und plausibel. Doch bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass sich zunehmend ein Trend entwickelt, der vor der beschriebenen Entwicklung merkwürdig erscheint. Der Ursprung für dieses Phänomen liegt in der Nutzung des Short Message Services. Die Möglichkeit im Mobilfunknetz kurze Textnachrichten verschicken zu können war in den Anfängen der Mobilfunk-Telefonie für die Betreiber lediglich ein technisches Abfall-Produkt. Wer sollte vor dem Hintergrund der unfassbaren Möglichkeit überall und ständig telefonieren zu können auf die Idee kommen, über eine Tastatur mühsam 160 Zeichen Text zu versenden.
Der sprachlich versierte Homo Sapiens tat dies. Und zwar mit einer derartigen Begeisterung, dass aus einem technischen Abfallprodukt mittlerweile Millionenumsätze generiert werden. 
Könnte man dieses Phänomen noch klassifizieren als kommunikativer Ausfallschritt des Handyzeitalters zeigt sich hier jedoch ein klarer Trend, der keinesfalls auf die fixe Idee zu reduzieren ist, komplexe Inhalte auf 160 Zeichen pressen zu wollen.

Die Einführung der email in den späteren neunziger Jahren verlief zunächst zögerlich. Doch bald erkannte man im geschäftlichen Alltag die Vorzüge gegenüber den herkömmlichen schriftlichen Medien wie Geschäftsbrief oder Fax. Keine Kosten, einfache Handhabung sowie Adressierung an mehrere Empfänger und die Möglichkeit Dateien zu versenden waren die Gründe für die schnelle Verbreitung und Etablierung der electronic mail. Die Art der Nutzung veränderte sich erheblich als Flatrates die permanente Anbindung ans Netz gewährleisteten. Die email wurde zum Ersatz für das Telefonat. Die Einführung von instant messenger wie AIM oder MSN flankierten diesen Trend - weg von der Sprache hin zum geschriebenen Wort.

Wirft man heute einen Blick auf die Kommunikationsstrukturen des Homo digitalis fällt auf, dass das gesprochene Wort zunehmend unwichtiger wird. Was zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Welt veränderte und für leuchtende Augen und glühende Ohren sorgte und mit dem Handy einen wahre "Sprech-Flut" auslöste wird heute weitgehend auf schriftliche Kommunikation reduziert.
Selbst die schmerzliche Erfahrung, dass SMS, Email und Chats durch das Fehlen der Stimme zu gravierenden Missverständnissen führen kann, tut diesem Trend keinen Abbruch. Im Gegenteil. Man ertappt sich bei dem Gedanken…"Mensch…schön, dich hier mal wieder bei Facebook zu sehen….". Aber anstatt die Nummer zu wählen und eine "menschliche" Kommunikation zu führen postet man lieber "hey…alles fein bei dir?".
Der "Text-Fetisch" hat auch wirtschaftlich katastrophale Folgen. Im Business-Alltag verbringen Menschen einen Großteil ihrer Arbeitszeit mit dem Medium email. Je nach Branche landen schon mal 80-140 emails täglich im Postfach von denen mindestens die Hälfte auf Beantwortung warten. Nach 2 Tagen Dienstreise sind es dann schon über 300 ungelesene Mails, was dazu führt, das bei vielen eine Art Mail-Rückstau entsteht, der nicht mehr zu bändigen ist.
Selbst die interne Kommunikation mit Kollegen und Kolleginnen wird durchs kommunikative Nadelöhr email gepresst, auch wenn der Andere im Nebenraum sitzt. Dabei passiert es nicht selten, das eine Diskussion per email geführt wird, die in 2min persönlichen Gespräch oder Telefonat hätte erledigt werden können.

Eine Analyse über die Gründe für diese Entwicklung erscheint zwingend. Wie konnte es dazu kommen, dass das Wunder der Fähigkeit zur sprachlichen Kommunikation durch digitalen Fortschritt so an Bedeutung verliert? Was reizt den Homo digitalis daran, selbst wichtige Themen nicht mehr zu besprechen, sondern zu betexten? Lauscht man in sich hinein könnte ein Grund in der exponentiellen Optionsflut der Kommunikation bestehen. Also einfach formuliert: Steigt die Anzahl der Optionen und die der Quantität ist eine Reduktion der Qualität und Komplexität zwingend. Das Telefonat und das persönliche Gespräch werden somit zu einem Highlight der Kommunikation und zeichnen entweder den Anlass oder das Gegenüber als besonders wertvoll aus.Ohne in das übliche "früher war alles besser" zu verfallen wäre es dennoch wünschenswert, dass die Reduktion der menschlichen Kommunikation auf ascii Zeichen öfter hinterfragt wird. Denn der Grundsatz "weniger ist mehr" ist gerade bei Kommunikation nicht zwingend förderlich für besseres Verständnis.
Eine Bildungsmanagerin sagte kürzlich, angesprochen auf dieses Phänomen: "Ich drucke oft emails aus und gehe damit zum Kollegen und rede darüber. Das sorgt für etwas Bewegung, soziales Miteinander und meistens eine schnellere Lösung für Probleme".

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